Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1930


Vom Raden. *)

Von Pastor LAAGE, Brunstorf.

Vor einiger Zeit erschien in meiner Wohnung ein Mann aus einer Nachbargemeinde, der sich viel mit dem "Raden" abgibt. Ich bat ihn, mir einiges über seine Heilmethode mitzuteilen. Nach einigem Bedenken ging er darauf ein. Ich gebe im Folgenden seine Ausführungen wieder, wie ich sie zum größten Teil nach seinem Diktat niederschrieb. Ich bemerke dazu, daß der Mann ein fehlerfreies Hochdeutsch sprach. Was im Folgenden hochdeutsch wiedergegeben ist, ist also nicht etwa von mir aus dem Plattdeutschen übertragen, sondern ist getreue Wiedergabe des Originalberichts.

1. Die Rose.

Viele machen den Fehler, daß sie nicht zwischen den verschiedenen Arten der Rose unterscheiden. Es gibt vier Arten der Rose:

1) DIE BLATTERROSE. Rundes Geschwulst. auf dem im vorgeschrittenen Zustand weiße Schälpeln wie kleine weiße Federn sitzen. Oft als Kopfrose.

2) GÜRTELROSE. Sie geht um den Gürtel herum. Sie darf sich nicht ganz um den Gürtel schließen, da dann der Tod eintritt.

3) WUNDROSE. Flechtenartiges Geschwür. Bekommt Pickeln, die sich in den Körper einfressen. Flechten bleiben glatt.

4) GESCHLECHTSROSE. An den Geschlechtsteilen, besonders oft bei weiblichen Personen. Wie Wundrose, geht oft zu Blatterrose über.
 

Behandlung.

KOPFROSE. WUNDROSE. Man nimmt drei Stecknadeln und drei Rosenblätter. Die drei Rosenblätter steckt man mit den drei Stecknadeln am Rand der Rose ganz oberflächlich auf der Haut in gleicher Entfernung voneinander fest. Hat man keine Rosenblätter, so begnügt man sich mit drei Stecknadeln. Dann zieht man eine Stecknadel wieder heraus und umzieht damit die Rose in Kreisform. Doch muß man die Stelle, an der die Rose entweichen soll, offen lassen. Bei Männern kann man die Rose stets nach unten abtreiben. Bei Frauen darf die Rose nicht in die Haare und nicht in die Brüste getrieben werden. Man umzieht die Rose in dieser Weise dreimal. Dabei spricht man unhörbar, höchstens darf man die Lippen dabei bewegen: "Soli Deo gloria! Die Rose soll nicht blühen. - Die Rose soll nicht ziehen. - Die Rose soll nicht weitergehen. - Sie soll in Gottes Namen stehen. - Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." Auch folgende plattdeutsche, wenn auch nicht so wirksame Formel wird angewandt: "Dei Ros, dei Blatterros. - Alle Klocken klingen. - Alle Vagels singen. - Alle Gauden. dei sält läben. - Dormit still ik disses Wäsen." Auch

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*) Wir geben die folgenden Aufzeichnungen mit besonderer Freude wieder, da sie aus unanfechtbarer Quelle geschöpft sind und uns einen seltenen und wertvollen Beitrag zur Volkskunde unserer Heimat bringen.

Die Schriftleitung.


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diese Formel wird begonnen mit "Soli Deo gloria!" und geschlossen mit dem Namen des Dreieinigen Gottes.

GÜRTELROSE ebenso. Zwei Stecknadeln mit Rosenblättern werden an den Enden der Gürtelrose befestigt. Mit einer dritten Nadel umzieht man die Rose.

GESCHLECHTSROSE. Die Rose muß vom Geschlechtsteil fortgetrieben werden. Sonst wie oben.

Diese ganze Handlung muß dreimal wiederholt werden. Ist die Rose sehr schlimm, so nimmt man beim zweiten Mal statt der Nadel ein spitzes Messer oder einen scharfen Stahl. Beim Messer gebraucht man folgende Formel: "Durch die Natur. die alles schafft, gib, großer Gott, du mir die Kraft!"

WIRKUNG.

Die Rose kommt sofort zum Stehen, d. h. die Geschwulst geht nicht weiter. Nach einer Stunde schon bilden sich weiße Streifen, die über die Rose ziehen und die Heilung einleiten. Noch nicht verschwindet die Hitze, die man erst vertreibt durch

DIE NEBENBEHANDLUNG.

Man nimmt einen Beutel von abgetragenem Leinen. Darin tut man Roggenmehl oder noch besser Roggenkleie. Diesen Beutel legt man wie eine kleine flache Steppdecke auf die Rose. Der Kranke spürt sofort Erleichterung. Man läßt den Beutel in der Stubenluft abkühlen, um ihn abgekühlt wieder aus die Rose zu legen. Die Rose darf auf keinen Fall von Kälte oder Zugluft berührt werden. Deswegen darf der Beutel auch nicht in der freien Luft abgekühlt werden,

ERFOLGE.

Nach Behauptung meines Gewährsmannes steht bei seiner Behandlung die Rose sofort. Er nennt zahlreiche Geheilte. Zwei junge Leute, darunter der Sohn eines Arztes, seien zu ihm gekommen, der eine mit einer tief in den Arm eingefressenen Wundrose, an der er drei Monate lang von einem Hamburger Arzt vergeblich behandelt sei. Er selbst habe ihn durch zweimaliges Besprechen geheilt.

WIRKENDE KRAFT.

Mein Gewährsmann berichtet. daß er sich nach jedem Besprechen sehr matt fühle, als wenn eine Kraft von ihm ausgegangen sei. wie er es auch z. B. beim Stillen einer Blutung fühle. Trotzdem sei er imstande, bei sich selber die Rose zu raden. Einmal habe er die Rose gehabt. Eine Frau, die er das Besprechen der Rose gelehrt habe, habe versucht, ihn zu behandeln. sei aber schwach dabei geworden. Da habe er die Kopfrose bei sich besprochen wie oben angegeben. Nach zwei Stunden sei er geheilt gewesen.
 

2. AUSZEHRUNG.

Die Auszehrung besteht in einer allgemeinen Körperschwäche und einem Schwund der Kräfte und des Gewichtes. Bei den kleinen Kindern bilden sich an den Fingerspitzen, dem Fingernagel gegen-


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über kleine Tippel, kleine Tüten, die ein sicheres Kennzeichen der Auszehrung sind.

BEHANDLUNG (diktiert):

Gah an einen Awtbom, mak drei Krüzen in Gottes Nam, das soll heißen: Sprich in Gedanken: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Bräk Holt von den Bom und segg: "Ik nähm din Holt för - -" (folgt der volle Name) "und bring diít wedder tau Städ, dat du sin Krankheit up di nimmst, und hei geiht alle Wäg." Mit denín afbraken Twieg gah inít Hus, nemmín reinen Pott mit rein Water, und segg: "Dei hilgen Dinger sünd nägen: dat Swart, dat Witt, dat Gäl, dat Gräun, dat Blag, dat Rod, dat Hitteln - soll heißen: das Hitzende - dat Ketteln, dat Swillen - soll heißen: das Schwellende - will ik stillen∑ Fulgura frango. Im Namen usw." Bi Swart fang an und bräk ein Stück von denín Twieg af, bi Witt dat Tweite, smiet dat jedesmal inít Water und so nägenmal, dat dei Stock all is. Weck Stöcker swemmt, weck Stöcker stellt sick inít Water hen, weck gaht ünner. Dat mütt nu makt warden, bit alle Stöcker swemmen. Denn müttín dei Stöcker wedder nah denín Awtbom henbröcht und dor ingravt warden.

Bi dit Bespräken känín ok marken, woans dat üm einen Minschen steiht. Is hei ganz gesund, wat äwer keiner is, denn swemmen alle Stöcke baben. Is hei krank, denn swemmen an vier bit fief Stöcker haben, dei annern stellen sick hen oder gahn ünner. Is einer dicht vörít Starben, denn gahn binah alle Stöcker ünner.
 

WIRKENDE KRAFT.

Beide, der Behandelnde und der Behandelte, fühlen sich unmittelbar nach der Behandlung sehr matt, ein Zeichen, daß von dem Behandelnden eine Kraft ausgeht. Daher kommt es auch, daß nicht jeder raden kann. Ein Bauer habe zu ihm gesagt: "Du büst 'n Uterwählten." Auf die Formel kommt es nur insofern an, als sie dem Behandelnden Sicherheit verleiht. Die Kraft, welche die Stöcker untergehn läßt, ist unerfindlich. Wir sind da auf das Glauben angewiesen. Dieselbe Kraft, die durch die giftigen und daher oft schädlichen Arzeneimittel wirkt, ob man sie nun Gott oder Natur nennt, ist wirksam auch beim Raden. - Dies sind meines Gewährsmanns eigene Ausführungen. wie er sie auch gegen einen meiner Amtsbrüder entwickelte, der das Raden für Sünde hielt.

ERFOLGE.

Nach Angabe des Mannes hat er unzähligen Kranken geholfen, deren mir bekannte Namen er angibt. Ein Beispiel: In Bergedorf ist ein junges Mädchen schwer krank, dessen Bräutigam seine Hilfe gesucht hat. Der Mann kommt nach Dassendorf zu dem Großvater des Bräutigams. Der fragt, wie es mit der Braut seines Enkels stände. Es ist nachmittags um 5 Uhr. Der Mann radet, und alle Stöcker gehen unter. Der Großvater fragt: "Woans geiht dat?" Antwort: "In Bardörp is dat schlecht." - "Is sei dot?" - "Wenn noch nicht, denn dicht dorbi." - Um 6 Uhr kommt die telephonische Nachricht, daß die Braut gestorben sei.


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3. GELBSUCHT.

Wie bei der Auszehrung. Nur, daß hier die Formel lautet: "Du, Water, nemmst dei Suchten von (folgt voller Name), as dor sünd: dei Lungensucht, dei Swindsucht, dei Gälsucht, dei Lähnsucht, *) dei Slapsucht, dei Fallsucht und dei all sünd hier, dei makst du schier." Auch diese Formel wird eingeleitet durch "Soli Deo gloria" und beendet durch "Im Namen usw." Die Stöcke, die man uach und nach ins Wasser geworfen hat, werden verbrannt. Das Wasser wird über die Grenze des Hofes getragen, am besten auf die Straße, wo es keinem schaden kann.

Man braucht nicht neuner- oder elferlei Holz zu nehmen, was viele für unbedingt nötig halten. Ein Zweig, der in neun Teile gebrochen wird, tut dasselbe. Nur muß es ein Zweig von einem Obstbaum sein, der schon geblüht hat.

Bei Kindern nimmt man einen Bausch Watte, taucht ihn in den Urin des Kindes, gebraucht obige Formel und steckt die Watte an den Obstbaum, so daß der Mondschein sie bescheint.

4. BLUTSTILLEN.

Der Behandelnde denkt bei sich, wenn er in die Stube kommt: "Großer Gott, durch deine Huld vergib mir alle meine Schuld!" Dann geht man zu dem Kranken, legt die Hand mit dem Daumen auf die offene bluteude Wunde, sieht dem Kranken fest in die Augen und sagt: "Blut um Blut. Du bist mir schuldig. Einem Schöpfer nur ich huldigí." Dies nur einmal, während das Folgende dreimal gesprochen wird: "Glückselige Wunde! Glückselige Stunde! Glückselig der Tag, da Jesus Christus geboren ward! Soli Deo gloria." Das Blut steht sofort. Mein Gewährsmann ist imstande, auch bei sich selber das Blut zu stillen∑

5. SWIENSPUDEN. FURUNKEL.

Man schreibt den vollen Namen des Kranken auf ein Stück Papier, nimmt einen Leinenlappen, drückt darauf von dem Ausfluß der Furunkel, taucht den Lappen in den Urin des Kranken, wickelt den Lappen in das mit dem vollen Namen des Kranken beschriebene Papier und wirft alles in fließendes Wasser, das es forttragen muß.

6. BLUTSCHWAMM.

Man bestreicht den Blutschwamm mit der Nachgeburt einer Frau. Im Notfall kann es auch die Nachgeburt einer Kuh sein.

7. WÄKENFRU. (Diktat.)

Wenn íne Wäkenfru íne lege Bost hett, denn nemm ein von ihr Hemden, legg ihr dat up dei Bost, snied ihr íne Flusch von ihr Hoor af, verbrenn dat mit dei Würd: "Sei hett dahn, wat sei süll. Nu help ihr ok tau ihren Stand, dat sei ward wedder gesund und nith kümmt an Grabesrand. Im Namen usw."

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*) Um Lähnsucht handelt es sich nach der Erklärung meines Gewährsmannes, wenn jemand so matt ist, daß er sich fortwährend anlehnen muß.


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8. RHEUMATISMUS.

Man nimmt eine Flasche guten Weißweins, tut hinein eine sauber gewaschene Stange Meerrettich. gräbt die Flasche mit dem Meerrettich fest verkorkt 24 bis 48 Stunden in die Erde, siebt den Wein durch und nimmt jeden Tag drei Weingläser voll.

9. VERFANGEN DES VIEHES.

Die kranke Stelle mit einer Stecknadel umkreisen und mit der Hand berühren∑ Dabei sprechen: "Dat Veih hett sik verfangen dörch Water und dörch Wind. Dit will ik stillen dörch Maria ihr Kind. Im Namen usw."


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GEGEN DEI SUCHTEN.

Eine Frau aus K. erzählte mir, ihr Sohn Willi sei krank gewesen. Da hätte sie ihm von einer Frau aus L. raden lassen, und das habe geholfen, während das Raden von deren Tochter nicht so wirksam gewesen sei. Die Frau habe es mit neun Hölzern verschiedener Art gemacht.

Auch sie selbst könne raden. Sie habe es von ihrer Mutter gelernt. Bei der Krankheit ihres Sohnes habe sie es folgendermaßen gemacht: An drei aufeinander folgenden Tagen nach Sonnenuntergang sei sie in den Garten gegangen, habe einen Zweig von einem Apfelbaum geholt und den ihrem Sohn in die Hand gegeben, natürlich jedesmal einen anderen Zweig. Dann habe sie jedesmal dreimal gesagt: "Appelbom, ik klag di. Dei Suchten, dei plagt em (folgt der Name). Denín plagt dat mihr bi Nacht as bi Dag. Nemm du von em dei Suchten! Im Namen usw." Sie habe ihren Sohn auf diese Weise ein paarmal geraten, aber das habe nicht geholfen. Da habe sie alle Suchten einzeln aufgezählt und gesagt: "Appelbom, ik klag di. Dei Suchten, dei plagt em (voller Name). Dei Lungnsucht, dei Bungnsucht, dei Quälsucht, dei Gälsucht, dei Gallensucht, und denn noch all dei anner Suchten und dei Uttiehrung und dat Hartspann. Dat plagt em mihr bi Nacht as bi Dag." Das habe besser geholfen. Der Mensch habe, so meinte sie, 99 Suchten.
 


 


 


 

 

 

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