Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1930


Der Über-Faust und Goldmacher von Ratzeburg.

Eine zeitgemäße Geschichte von V. NOTZ, Oberst a. D., Ratzeburg.
 

Durch den Zeitungsblätterwald aller Welt geht zur Zeit wieder ein stürmisch Brausen: "Ein Tausendsasa [sic!] hat sich gefunden, der Gold macht. Er soll wahrhaftig schon ein Quentlein Gold fertig gebracht haben, noch dazu aus billigem Blei! Alle Welt spitzt die Ohren und horcht sehnsuchtsvoll auf: "Nun istís bald ein für alle Mal mit aller Armut zu Ende. Hinz liebäugelt schon mit einem Auto. Kunz träumt von egal-dicken Festrüben und anderen Annehmlichkeiten, die er sich leisten wird, wenn erst süßes Nichtstun seine einzige Tagesbeschäftigung - außer Koupon-Abschneiden natürlich - bilden wird. Die Regierung aber strahlt: Was sind dann noch die 100 Milliarden Gold, die wir uns in den unersättlichen Rachen der Entente zu werfen verpflichtet haben?!"

Der Wahn ist kurz. die Reuí ist lang.

Eine kleine, aber wahre Geschichte wird da zeitgemäß, die sich einst, vor vielen hundert Jahren, zugetragen hat.

Auch das liebliche Ratzeburg hat seine Faustsage. Die wenigsten werden sie allerdings kennen. (Werís nicht glauben will, findet die Tatsachen schier wörtlich getreu in Maschís trefflicher "Geschichte des Bistums Ratzeburg".)


Zur Zeit, als Dr. Fust, Gutenbergs Genoß in Ausübung der "Schwarzen Kunst", lebte und wirkte; als Alchimie und andere düstere Geheimwissenschaften und Zaubereien in hoher Blüte standen; als es im Hexenkessel menschlicher Geister bedenklich brodelte und gährte, bis neue Welten, neue Zeiten und ein neuer Glauben geboren waren, erlebte auch unser stilles Inselstädtchen "in seinem alten Dome einen Faust! Er hieß zwar nicht "Heinrich". DEN Vornamen hat Goethe erst einige Jahrhunderte später erdichtet. Er hieß JOHANN und war des Wismarer Ratsherrn STALKOPER'S Sohn. Er hatte an der Weisheit Brüsten der ALMA MATER Greifswaldensis und Erfurtensis gar fleißig gesogen, hatte auch, wie Meister Wolfgang seinen Heinrich sprechen läßt: "Medizin und, leider! auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn", und hatte es schließlich "so herrlich weit gebracht", daß er "Magister und Doktor gar" ward. Das kann man heut noch auf dem Grabstein im Dome nachlesen, wo in prächtiger Mönchsschrift geschrieben steht: "artium libalium magister, medecinae doctor". *)

Der Vergleich beider, des Heinrich Faust mit dem Johann Stalkoper, führt nun weiter zu ganz merkwürdigen und seltsamen Übereinstimmungen, daß der Heimatfreund schier versucht wird, anzunehmen, Herr von Goethe habe seinen weltberühmten Faust aus Ratzeburg - entliehen!

Ebenso wie Heinrich Faust hat sich Hänsel Stalkoper in jungen Jahren heftig durch "das ewig Weibliche hinan" gezogen gefühlt. Wie gemeinhin bekannt, verließ dann Heinrich treu- und lieblos sein Gretchen im Unglück. Genau so ließ Johann Stalkoper, wie der Chronist meldet, seine ihm anverlobte Fräulein Brauten gar schnöde sitzen, "weil es ihn gereuete". Johann ging ins Kloster, eine nach damaligen Begriffen zulässige Flucht vor Ehe und Öffentlichkeit, alldieweilen sich Heinrich in aller Welt herumtrieb, auf dem Blocksberg und so ... Im weiteren Verlaufe ihres Lebens haben es beide, verständig geworden, zu hohen Ehren gebracht. Johann ward Bischof von Ratzeburg!

Gemeinsam ist beiden nun aber noch vor allem folgendes: Als "Adepten" "hatten sie sich der Magie ergeben". Jedenfalls sollen beide "den Stein der Weisen gefunden" haben - oder haben das wenigstens geglaubt. Die Lieblingsbeschäftigung des Adepten war das Goldmachen! Da muß nun zur Ehre Ratzeburgs hervorgehoben werden, daß Johann Stalkoper hierin doch dem Heinrich Faust bei weitem "über" gewesen sein muß. Von jenem wird nämlich

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*) Dieser Grabstein, eine mächtige Gotländer Kalksteinplatte, ist neuerdings durch Ausmalung so hergerichtet worden, daß er gut erkennbar und die gotische Schrift leichter als bisher lesbar ist. Er zeigt auch des Bischofs Todesjahr 1479.

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mit Bestimmtheit versichert, daß er regelrecht Gold zu Wege gebracht habe, während es von Heinrich Faust nur heißt. daß er es durch Erfindung des Papiergeldes zu einer Art angenehmen Inflation gebracht habe.

Nicht genug der Ähnlichkeiten, schließlich sind beide uoch wegen ihres Lebenswandels pp. mit dem Bösen in Konflikt geraten. Auch darin ist Johann dem Heinrich überlegen. Dieser hatte nur EINEN Teufel, den er gemeinhin Mephisto nannte; Stalkoperís Goldmacherkunst aber geriet in die Hand ZWEIER armer, allerdings namenloser Teufel!

Und das kam so: Den schönen Goldklumpen, den Bischof Stalkoper verfertigt hatte, wollte er, sparsam wie er war, auf die hohe Kante legen. Einem Freunde im nahen Lübeck gab er den Schatz in Verwahrung. Ach! Hätte er ihn doch lieber anders verwendet, etwa zur Tilgung der Schulden seines Stiftes! Als nämlich der Freund das gleißende Gold verstecken wollte unter seines Hauses Dach, wurde er von neugierigen Blicken beobachtet. Gelegenheit macht Diebe; also stahlen solche das Gold. Den einen der Schelme hängte man, als man ihn kriegte, an den Galgen. Vom Schicksal des anderen schweigt die Geschichte. Das Gold aber war und blieb weg. Und mit ihm scheint auch unser Johann die Kunst verloren zu haben, Gold zu machen. Wenigstens wird nirgends berichtet, daß er noch je etwas zu Wege gebracht habe. Und das ist doch ganz lehrreich für uns heute.
 


 


 

 

 

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