Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1931



[Geleitwort]

 
"In de Heimatbewegung moet wi uns darfor waren, dat wi immer up't meerste blot achterrut kiekt: wo schön dat fröher wesen is, und dat wi dat all good upschriewt un in't Museum bringt. Wi moet darfor sorgen, dak ok use Tied er egen Gesicht krigt, und dat de nedderdütsche Egenart sik lebennig up de veraarwt, de na us kaamt."

DR. ALMA ROGGE


Seit Urzeiten hat der Mensch die Umwelt verändert, hat Wälder gerodet und Sümpfe entwässert, hat Häuser gebaut und Städte gegründet. Aber rascher und einschneidender denn je wandelt unser technisches Zeitalter das Antlitz der Erde. Wo noch vor Jahresfrist frohe Menschen wohnten und wirkten, herrscht das Schweigen gewaltiger Staubecken, und wo in Jahrtausenden keines Menschen Fuß wandelte, wimmelt es jetzt von den Fahrgästen der Gipfelbahn. Das Dengeln der Sense hat das Geklapper der Erntemaschine, das Wanderlied der Ton der Autohupe abgelöst. Mag sich auch in unsere Bewunderung der technischen Errungenschaften ein leises Bedauern mischen, bekämpfen will und wird der Heimatbund solche Fortschritte nie; was er bekämpft, das ist der Geist, der sich in den Worten seiner Gegner ausspricht. Da schreibt Le Corbusier: "Das Leben hat bloß Sinn in der Gegenwart, die Erinnerung ist eine Prellerei." "Das Haus wird nicht mehr schwerfällig im Boden verwurzelt sein und zum frommen Kultus der Familie und der Rasse beitragen." "Die alten Stile überfallen uns höchstens als Parasiten. Das Barock, die Gotik usw. sind ein alter Haufen von Eingeweiden verfaulten, ehrwürdigen Aases." "Das Haus ist eine Wohnmaschine." Diplomingenieur Franz Kollmann schreibt in seinem Artikel: "Wenn Hochspannungsleitungen gebaut werden, so werde ein 'verschlafener' Philister, der leider öfter eine Amtsvollmacht besitze, dagegen zetern: "Eine Ritterburg, ein altes Kirchlein oder sonstige Heimatschutzstellen dürfen nicht verschandelt werden." Man werde noch verlangen, daß "Masten durch Baumattrappen ersetzt und geschnitzte Vögel an die Kabel ge-

1931/1 - (1)


1931/1 - 2

hängt" werden. Und E. Cohn - bekannter unter dem Namen Emil Ludwig - schreibt zu Ehren des Paneuropäerkongresses: "Aber ein paar alte Weiber und andere Geheimräte, die Volkskunde, Schollenkunst und Heimatgeruch pflegen, machen uns nicht irre." Im Kampf gegen die internationale Gesinnung unserer Feinde werden wir stets einmütig zusammenstehen, aber auch vor manchen unserer Freunde müssen wir unsere Arbeit schützen. Karl Wagenfeld hat solche Mitläufer einmal trefflich charakterisiert: Die Romantiker, die rein gefühlsmäßig am Alten hängen. Die Nur-Konservierenden, denen 1 und 2 der alten Mecklenburgischen Verfassung oberstes Gesetz ist: 1) "Et blifft so, as't was" und 2) "Et wärd nix änndert". Dann die Dilettanten, die in bester Absicht auf heimatlich-wissenschaftlichem Gebiet ihre Federn arbeiten lassen. Und schließlich noch die Unerfreulichsten, die Spekulanten, die mit der Heimatliebe ihre Geschäfte, und die Parteipolitiker, die den Heimatgedanken ihren Zwecken dienstbar machen möchten.

Die Romantiker, die Nur-Konservierenden, die eifrigen Dilettanten, bleiben trotz alledem der Heimatschutzbewegung liebste Kinder, und wir wollen nicht vergessen, daß sie der Bewegung den Anstoß gegeben und viel, unendlich viel geleistet haben und noch leisten. Aber über dem Rückwärtsschauen dürfen wir das Vorwärtsstreben nicht vergessen, denn letzten Endes sind nicht die Dinge, sondern die Menschen der Heimat das Wichtigste. Gewiß wollen wir den sichtbaren Ausdruck, den deutsches Wesen in der Vergangenheit fand, erhalten und bewahren, aber vor allem wollen wir den Geist, der diese Erscheinungsformen schuf, stützen und pflegen.

Neben dem Schutz der Naturdenkmäler neue Wald- und Grünflächen, gesunde und schöne Wohnräume schaffen helfen, neben der wissenschaftlichen Sammeltätigkeit lebendige Aufklärungsarbeit und Volkserziehung treiben, das war die stille und opferfreudige Tätigkeit unseres unvergeßlichen Dr. H. F. Gerhard. Wenn der deutsche Mensch das hohe Ziel auch unseres Strebens sein wird, dann sind wir in Wahrheit Kämpfer für die deutsche Heimat.

SIEGFRIED SCHELLBACH.

 


 


 

 

 

*