Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1931






1. v. Holdorp.    2. v. Wittorf.    3. v. Blücher.    4. v. Grönau.



Alte Wandmalereien des Ratzeburger Doms.

Von FERD. V. NOTZ, Oberst a. D.

(Schluß.)


DIE GOTISCHEN KREUZGANGMALEREIEN.

Das alte, mehr wie einhalbtausendjährige Kloster- und Kapitelgebäude am Dom zu Ratzeburg zeigte Alterserscheinungen. Da entschloß man sich - noch waren die Wiederherstellungs-Arbeiten am Dom nach dem Turm- und Dachbrande von 1893 im Gange - zu durchgreifender Ausbesserung.

Bei Vorarbeiten hierfür, im Sommer 1895, fanden Bauarbeiter, welche die nördliche (Innen-)Wand des nördlichen Kreuzgang-Armes abklopften, daß die großen spitzbogigen Fensterblenden, die sich zwischen den Pfeilern befinden, vermauert waren. Als man die vorgesetzte dünne Backsteinschicht beseitigte, zeigten sich hohe und breite, ziemlich flache Nischen frühgotischer Form, ähnlich den Fensterblenden der Außenwand des westlichen Kreuzgangarmes von 1259, und - was nur Lisch bisher zu ahnen gewagt hatte - auf dem Grunde der Nischen fanden sich bedeutende Reste alter Malerei. Die Bilder mit ihren vielen Spruchbändern und Inschriften waren zum größten Teil vortrefflich erhalten, lange Jahrhunderte bestens geschützt durch die sie verhehlende Steinschicht vor den Unbilden ewigfeuchter Witterung und - mehr noch - vor menschlichem Unverstande.

Neben den Bildern fanden sich noch teilweise übergroße Wappenschilde und Helmschmuckreste aufgemalt. Als man die gegenüberliegende innere Fensterwand von der Tünche befreite, zeigten sich auch hier zwischen Fenstern und Pfeilern die Reste von Gestalten, nur in Umrissen schwarz auf weiß gemalt, die sich durch Mitra und Krummstab als Bischöfe auswiesen. Seitlich über den Köpfen weisen sie kleine Wappenschilde auf.

Der Fund erregte berechtigtes Aufsehen. Man schrieb die Malerei dem 13. Jahrhundert (?) zu, in welchem ja, wie die alte prächtige Ziegelstein-Inschrift an der Außenwand des Kapitelgebäudes besagt, die Klosteranlage aufgeführt worden ist. Nach der Reformation mochten die Bilder vermauert worden sein, als man Alles, was an den katholischen Gottesdienst erinnerte, zu beseitigen bestrebt war.

Bisher kannte man aus der Frühzeit des Domes keinerlei Wandmalereien. Die Mauer der Hauptwand bietet sieben solcher breiten


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Herzöge von Braunschweig.   Herzöge von Sachsen.  3 Bischöfe v. Blücher.    v. Parkentin und v. Jesow.

 

Nischen dar. Die erste, am westlichen Ende des Ganges, liegt in dunkler Ecke. Sie war unbemalt. In der zweiten war die alte Malerei fast völlig zerstört, in der dritten bis siebenten dagegen so gut erhalten, daß nicht nur ihre Wiederherstellung möglich war, sondern auch das vernichtete erste Bild unschwer nach den inneren Zusammenhängen nachgebildet werden konnte, zumal sie sämtlich durch Unterschriften und Spruchbänder erklärt sind, die großenteils gut lesbar waren. 13)

Nach Beendigung der baulichen Instandsetzungen des Kreuzganges und der ganzen Gebäude wurde 1899 zur Wiederherstellung und Ergänzung des Bilderkreises durch den Schweriner Maler O. von Ocolowitz geschritten. 14)

Die sechs ausgemalten Blenden zeigen entsprechend ihrer Dreiteilung und des Querstreifens jedes sechs kleinere Bilder, die von sehr einfachem gotischen Gemäuer umrahmt sind. Die mittleren Felder sind turmartig überdacht, die Seitenfelder von Kreuzblumen gekrönt.

Die Malerei versinnbildlicht zusammenhängend das "Credo", das uralte apostolische Glaubensbekenntnis oder Symbolum, das den Inhalt des christlichen Glaubens zum Ausdruck bringt und beiden christlichen Kirchen, der katholischen wie der evangelischen, gemeinsam ist. Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist sowie Bilder aus dem Leben Christi füllen die mittleren Felder; die linken enthalten die 12 Apostel mit Spruchbändern in den Händen, die das Credo vom Anfang bis zum Amen fortlaufend hersagen. Die rechten Seitenbilder weisen König David und 11 Propheten ans, die gleichfalls Spruchbänder mit biblischen Sprüchen halten.

Die Schrift ist bis auf größere Anfangsbuchstaben in gotischen Minuskeln, was auf die zweite Hälfte des 14. oder den Anfang des 15. Jahrhunderts als Entstehungszeit hinweist.

Mag auch der Kunstwert der Malereien unbedeutend sein - sie zeigen keine Meisterhand und stehen unter dem Drucke scholastischer Denkweise, der höheren Schwung ausschloß -, so haben sie doch unstreitig hohen Wert für die Geschichte des Domes und für die Beurteilung der alten Zeit, in der sie entstanden. In ihrer schlichten

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13) Von den Bildern III bis VI sind damals von dem Ratzeburger Photographen Lassen vorzügliche große Bilder aufgenommen worden, die klar den damaligen Zustand der Bilder, also auch diese selbst, erkennen lassen.

14
) Unter den Bildern III, IV, V und VI steht heute: "A. V. O. REST." und unter Bild I "A. V. OCOLOWITZ FECIT" und die Jahreszahl "ANNO MDCCCXCIX".


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Altertümlichkeit trefflich zu dem Bau passend, gereichen sie ihm zu einzigartiger Zierde.

Von den Wappenmalereien neben den Bildern ist gleichfalls bezeugt, daß sie echt sind. Neben der ersten Bildergruppe das Wappen des Domgründers, des großen Welfen. Es zeigt die beiden springenden Leoparden wie das Schildchen auf der Domgründungstafel am südlichen Hauptportal. Sie sind unrichtigerweise als "Löwen" wieder hergestellt. 15)

Rechts und links der zweiten Bildergruppe die Helmzier und das alte Sachsenwappen der Lauenburgischen Herzöge, die sich ja Herzöge von Sachsen, Engern und Westfalen nannten. Beide, Helmzier wie Schild, entsprechen vollkommen dem großen Wappen Herzogs Erich von 1360. 16) Es ist der "rechtsgelehnte sächsische, zehnmal quergestreifte Schild mit schrägrechts liegendem Rautenkranz", der Helm "mit wallender Helmdecke und zwei quergestreiften Büffelhörnern".

Neben der dritten Bildgruppe das schrägrechts gestellte Blüchersche Schlüsselwappen mit dem Bischofsstab; auf der anderen Seite eine Helmzier mit einem Zweig. Der Dom hat drei Bischöfe aus dem Geschlechte derer von Blücher erlebt: Ulrich (1257-1284), Hermann (1291-1309) und Wipert (1356-1367). Des Letzteren Grabstein im Dome zeigt das gleiche Schlüsselwappen.

An der gegenüberliegenden Fensterwand befinden sich unter den Gewölbebögen einfache Malereien, als Schwarzweiß-Zeichnungen Bischofsgestalten mit Mitra und Krummstab; sie rühren auch von Ocolowitz her. An ihrer Stelle hatte man nämlich Reste alter Malereien gefunden, nach denen sich der Maler gerichtet haben mag. Unter der neuen Tünche treten heute wieder alte Malereispuren zu Tage.

Während also diese Gestalten mehr oder weniger freie Erfindung des Malers bedeuten, sind die kleinen Wappenschilde zu Häupten der Gestalten zum Teil wenigstens unzweifelhaft alt und echt, ohne "aufgefrischt" zu sein. So jedenfalls das erste und sechste Wappen. Bei letzterem sind z. B. die acht Lilien erst jetzt durch einen Zufall von mir bloßgelegt worden.

Von den sechs Wappen sind fünf klar zu erkennen und feststellbar. Nr. 1 ist das des 18. Ratzeburger Bischofs, Gerh. v. Holdorp, der von 1388-1395 regierte; Nr. 4 das des 17., Heinr. von Wittorf (1368-1388); Nr. 5 das des 16., Wipert v. Blücher (1356-1367); Nr. 6 das des 15., Otto v. Grönau (1355-1357). Das zweite Wappenbild ist verlöscht; das dritte, drei Kränze, ließ sich bisher nicht bestimmen. 17)

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15) J. F. Lauenburg (s. o., 1835) tut ihrer Erwähnung als "einem Paar Löwen ähnlicher Bestien", die er noch unter "den leicht gemalten Verzierungen" an Gewölbe und Wand des nördlichen Kreuzganges erkannte, deren "Malereien sich aber in sehr schlechtem Zustand mit wahrscheinlich sehr veränderten Farben" befand.

16
) Meckl. Urk.-B. XI, S. 624.)

17
) Das hier festgestellte v. Holdorpsche Wappen gestattete übrigens einen Vergleich von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Das alte Ansveruskreuz bei Einhaus zeigt offensichtlich das gleiche Wappen mit dem Kranze, der "blütentragenden Dornenkrone Christi", wodurch das Alter des Kreuzes mit einer größeren Sicherheit als bisher zeitlich festgelegt werden kann. Siehe "Ansverus, der Apostel und Märtyrer Lauenburgs, in Geschichte, Sage, Stein und Bild" von Ferd. v. Notz, 1929, Lauenburgischer Heimatverlag, Ratzeburg i. Lbg.
 

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Im östlichen Kreuzgange finden sich noch zwei gleiche, bunte Wappen in verschiedener Größe. Sie stellen das v. Parkentinsche dar. Detlef v. Parkentin, der 19. Bischof, regierte von 1395-1419. Allerdings führte auch Marquard v. Jesow, der 13. Bischof, der von 1309 bis 1335 regierte, das gleiche Wappen. 18) Jedenfalls verweisen die Wappen in die Zeit des 14. und des anbrechenden 15. Jahrhunderts.

Ein alter Kreuzgang-Bewohner, Herr St., der die Wiederherstellungsarbeiten am Kreuzgange mit erlebt und mit angesehen hat, bestätigt die Vermutung, die sich auf die willkürliche Überzeichnung der Bischofsgestalten stützt, daß die Arbeit leider nicht mit dem gebotenen Maße von Achtung vor dem Alten durchgeführt worden ist. So wurden damals unter anderem umfangreiche alte Malereien auch an dem breiten gotischen Gurtbogen der Kreuzgewölbe, da wo der östliche Kreuzgangflügel in den nördlichen übergeht, unter der Tünche entdeckt. Auch Figürliches soll dabei zu Tage getreten und schonungslos wieder übertüncht worden sein. War vielleicht auch der künstlerische Wert zweifelhaft, der hohe geschichtliche Wert jedenfalls wurde mißachtet. Vielleicht gelingt es später einmal, den Fehler wieder gut zu machen.

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18) M. U.-B. XI, S. 448 zu 1309.





 

 

 

 

 

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