Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1931


Die gotischen Malereien und ihre Inschriften
im Kreuzgange des Natzeburger Domes.

Von FERDD. [sic!] V. NOTZ, Oberst a. D.

(Ergänzung zu "Alte Malereien des Natzeburger Domes"
in "Lauenburg. Heimat" 1931, Heft I.)
 

Die alten Wandmalereien sind allmählichem Untergange verfallen. Sonne und Feuchtigkeit bleichen und verwischen sie mehr und mehr,- der unvermeidliche Besen aber gibt ihnen den Rest. Verdanken wir doch die bisherige lange und gute Erhaltung dieser Bildergruppen in ihren Hauptteilen nur dem Umstande, daß sie jahrhundertelang allen Angriffen durch Übermauerung entzogen waren. Erst 1895 hat sie ein Zufall aufgedeckt (s. "Lauenb. Heimat" 1931, Heft 1). Dabei ist bemerkenswert, daß das jüngste der Bilder, das erste, das damals neu entstehen mußte, weil das alte völlig zerstört war, sich am wenigsten gut erhalten hat. Die alte Malweise hat sich also widerstandsfähiger
erwiesen als die neue. Unser Altmeister in der Kunst der Erhaltung der Altertümer, Prof. Haupt, hält wegen der zunehmenden Zerstörung ein Festhalten des Inhalts der Bilder und ihrer Inschriften für geboten.

Die sechs ausgemalten frühgotischen Fensterblenden der Innenwand des nördlichen Kreuzganges zeigen als Bemalung eine jede ein dreiteiliges Gemäuer, dessen gotische Spitzbögen von Kreuzblumen gekrönt und deren mittlerer Teil turmartig überhöht ist. Die drei Teile sind wiederum quergeteilt, so daß jede der 6 Bildgruppen 6 Teilbilder aufweist. Zusammenhängend versinnbildlichen sie den christlichen Glauben und die Heilslehre. Spruchbänder und Unterschriften in gotischer Minuskelschrift erläutern den Sinn der sehr einfachen Malerei.

Die zweimal sechs Mittelbilder dienen dem Gottesgedanken, Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Ihre In - und Unterschriften:

I

oben: "CREATOR CELI ET TERRE" = der Schöpfer Himmels und der Erde, im Bilde: die Hand Gottes aus den Wolken weist auf die Erde, die von allerlei Getier bevölkert ist. - I unten: "ANNUNCIATIO" = Mariae Verkündigung durch eine vom Himmel herniederflatternde Taube und einen Engel. (Bildgruppe I ist, wie schon erwähnt, neu, von Occolowitz, 1899.)


1931/4 - 124


1931/1 - 125

II

oben: "NATIVATIS DOMINI JESU XPI" = Christi Geburt, dargestellt durch die Gottesmutter und das Jesusknäblein. "ET EGREDITUR VIRGO DE RADICE JESSE" = Die Jungfrau ist entsprossen der Wurzel Jesse. (Es ist der Ursprung des uralten schönen Weihnachtsliedes: "Es ist ein Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart.") - II unten: "PASSIO DOMINI JESU XPI" = Kreuzigung Christi. "EGO HOC PATIOR LIBERARE POPULOS" = Durch mein Leiden werden die Völker erlöset, "VIDE, SI EST DOLOR SIMILIS" = Siehe, ob mein Schmerz einem anderen gleichet.
 
III oben: "RESURRECTIO DOMINI JHESU [sic!] XPI" = Auferstehung: Christus entsteigt, die Kirchenfahne in der Hand, dem Grabe. - III unten: "ASCENSIO AD CELOS" = Himmelfahrt.
 
IV oben: "DIES JUDICII" = Tag des jüngsten Gerichts: Aus dem Munde des thronenden Weltenrichters fahren zwei Schwerter. - IV unten: "SPIRITUS SANCTUS" = der Heilige Geist fliegt als Taube, mit dem Heiligenscheine, über die Erde.
 
V oben: "ECCLESIA CATHOLICA" = in einer Kirche nimmt ein Priester das Abendmahl. - V unten: [Anführungszeichen fehlt!] REMISSIO PECCATORUM" = Vergebung der Sünden: ein Bischof segnet Büßende, die vor ihm knien.
 
VI oben: "VITA ETERNA" = das ewige Leben: Christus segnet Anbetende. - VI unten: "RESURRECTIO MORTUORUM" = Auferstehung der Toten am jüngsten Tage.


Die Gestalten der Bildteile rechts der Mitte (vom Beschauer gesehen) stellen zwölf Propheten dar; ihre Spruchbänder enthalten ihre eigenen Messianischen Weissagungen, die in innerem Zusammenhang mit den anderen Bildern stehen.

I

rechts oben: "JEREMIAS PROPHETA"; "FECIT TERRAM IN FORTITUDINE SUA ET PRUDENTIA SUA EXTENUIT CELOS" =er schuf die Erde durch seine Kraft und seine Weisheit, wölbte darüber den Himmel (entspr. Jerem. 10 V. 2). - I rechts unten: "DAVID REXS"; "DOMINUS DIXIT AD ME ..." (verlöscht).
 

II

rechts oben: YSAIAS PROPHETA NARRAT: ECCO VIRGO CONCIPIET ET PARET FILIUM."
Der Prophet spricht: "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären." (Jesaia 7 V. 1.) - II rechts unten: "ZACHARIAS PROPHETA"; "ASPICIENT OMNES IN EUM QUEM CRUCIFIXERUNT" = Es richten die Blicke alle Menschen auf den, welchen sie ans Kreuz geheftet. (Zacharia 12 V. 10.)
 
III rechts oben: "OSEAS PROPHETA". "O MORS, ERO MORS TUA, MORSUS TUUS ERO INFERNE" = O Tod, dein Tod werde ich sein. Hölle, ich werde dich überwinden. (Hosea 13 V. 14). III rechts unten: "AMOS PROPHETA". "EDIFICAT IN CELI ASCENSIONEM SUAM" = Er ist's, der seinen Saal in den Himmel bauet. (Amos 9 V. 6.)
 
IV rechts oben: "SOPHONIAS PROPHETA"; "ACCENDANT AD VOS IN JUDICIO ET ERO TESTIS VELOX" = Sie flammen auf zu eurem Gerichte, und ich werde ein schneller Zeuge sein. - IV rechts unten: "JOEL PROPHETA"; "EFFUNDUM DE SPIRITU MEO SUPER OMNEM CARNEM" = Und ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch . . (Joel 3 V. 1.)
 
V rechts oben: "MALACHIAS PROPHETA"; "INVOCANT OMNES NOMEN DOMINI" = Alle rufen den Namen des Herren an. - V rechts unten: "MICHAJAS PROPHETA"; "MISEREBITUR NOSTRI ET DEPONET INQUITATES NOSTRAS" " Er wird sich unserer erbarmen und abtun unsere Ungerechtigkeit.
 
VI rechts oben: "EZECHIEL PROPHETA"; "EVIGILANT OMNES ALI AD VITAM ETERNAM" =
Alle Anderen erwachen zu ewigem Leben. VI rechts unten: "DANIEL PROPHETA"; "EDUCAM VOS POPULO ... AD VITAM ETERNAM" = Ich werde Euch zum Volke (Gottes) machen, damit ihr ewiglich lebet. (Entspr. Daniel 2 V. 44.)


Die zweimal sechs Teilbilder, vom Beschauer gesehen links, stellen die 12 Apostel dar, erkennbar an den Unterschriften und ihren Attributen:

I o. Petrus mit dem Schlüssel.
I u. Andreas mit dem schrägen (Andreas-) Kreuze.
II o. Jakobusmajor mit dem kreuzgeschmückten Pilgerstabe.
II u. Johannes mit dem Kelche.
III o. Thomas mit dem Winkelmaße des Zimmermannes.
III u. Jakobus mit der Keule oder Walkerstange.
IV o. Philippus mit dem Patriarchenkreuze (welches 2 Querbalken hat).
IV u. Bartholomäus mit Messer und Buch.
V o. Mathias mit Buch. (Es muß Mathaeus heißen.)


1931/4 - 125


1931/1 - 126

V u. Simon mit der Lanze.
VI o. Mathias mit der Axt.
VI u. Thaddaeus ebenfalls mit Patriarchenkreuz.

 
Sehr sinnreich und merkwürdig ist nun der Inhalt der Spruchbänder in den Händen der Apostel. Zusammengefügt, geben sie das "Credo" (d. h. "ich glaube") wieder, das apostolische Symbolum, welches als Glaubens- und Taufbekenntnis heute noch den beiden großen christkirchlichen Glaubensgemeinschaften, der katholischen wie der evangelischen, dient.

Petrus spricht:
"CREDO IN DEUM OMNIPOTENTEM, CREATOREM CELI ET TERRE"
(ich glaube an Gott, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde,)

Andreas fährt fort:
"ET IN JSEUM XPUM [sic!] FILIUM EIUS UNIGENITUM DOMINUM NOSTRUM"
(und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herren,)

und die übrigen Apostel sprechen der Reihe nach:

"QUI CONCEPTUS EST DE SPIRITO SANCTO NATUS EX MARIA VIRGINI,"
(der empfangen ist vom Heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria,)

"PASSUS SUB PONTIO PILATO CRUCIFIXUS MORTUUS ET SEPULTUS,"
(gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget, gestorben und begraben,)

"DESCENDIT AD INFERNA TERTIA DIE RESURREXIT A MORTUIS,"
(niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten,)

"ASCENDIT AD CELOS SEDET AD DEXTERAM PATRIS OMNIPOTENTIS,"
(aufgefahren gen Himmel, sitzet zur Rechten des allmächtigen Vaters,)

"INDE VENTURUS EST IUDICARE VIVOS ET MORTUOS".
(von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.)

"CREDO IN SPIRITUM SANCTUM, "
(Ich glaube an den Heiligen Geist,)

"SANCTAM ECCLESIAM CATHOLICAM SANCTORUM COMMUNIONEM,"
(eine heilige allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen,)

"REMISSIONEM PECCATORUM,"
(Vergebung der Sünden,)

"ET VITAM ETERNAM AMEN".
(und das ewige Leben. Amen.) - Zuletzt folgt:

"CARNIS RESURRECTIONEM" (des Fleisches Auferstehung.) *)

Nach einer gegen Ende des 4. Jahrhunderts hervortretenden Legende des Rufinus (397) sollen dies Credo die 12 Apostel zu Jerusalem gemeinsam vor ihrer Trennung verfaßt haben, ehe sie hinauszogen in alle Welt, den Heiden das Evangelium zu bringen. So versinnbildlichen also die Bilder die uralte Legende. Aber mehr noch. Unser Dom und das zu ihm gehörige Prämonstratenser-Ordenskloster waren errichtet auf altheidnischer Opferstätte, im heiligen Haine der Slavengöttin Siwa. Sie waren der Glaubensherd, die feste Burg Gottes im jüngst erst unterworfenen, in dem noch zu bekehrenden Polabenlande. Dadurch erhalten die Bilder noch eine tiefere Bedeutung. Denn es ist wahrscheinlich, daß bei ihrem Entwurf die Erinnerung obwaltete an die Bekehrung der Heiden und deren Taufe.

Aus triftigen Gründen haben wir die Malerei dem ausgehenden 14. Jahrhundert zuweisen können (s. "Lauenb. Heimat", Heft 1). Gewiß entsprechen die Bilder den heutigen Anschauungen von künstlerischer Schönheit nur wenig. Kindlich harmlos muten sie an, beeinflußt von der scholastischen Denkweise einer frühen Zeit. Für den Dom und seine Geschichte sind sie unstreitig von hohem Werte. In ihrer schlichten Altertümlichkeit passen sie trefflich in den Bau und gereichen ihm zu eigenartiger Zierde. Bei ihrer Betrachtung bedauern wir, daß sich nicht mehr davon erhalten hat. Vielleicht findet aber der Forscher da oder dort später noch mehr unter dem Leichentuche neuerer Tünche, die die alten Wände bedeckt.

_______________

*) Es fällt auf, daß "CARNIS RESURRECTIONEM" hinter dem "Amen" steht statt vor ihm. Das ist sicherlich nicht ohne Absicht geschehn. Jene zwei Worte bedeuten in der Tat einen späteren Zusatz des ursprünglichen CREDO, der viel bekämpft worden ist, wovon der alte Maler der Bilder Kenntnis gehabt haben wird.

 




 


 

 

 

*