Lauenburgische Heimat
[Alte Folge]

Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V.
1936


Wühlmäuse im Lauenburgischen.

Von Erna Mohr, Hamburg.
 

Die Nagetiere sind, wie überall, auch bei uns eine recht umfangreiche Gruppe, bieten mancherlei Besonderheiten und sind noch keineswegs hinreichend erforscht. Wie fast alle "allbekannten" Tiere, sind auch die Mäuse im Grunde genommen so wenig bekannt, daß man heute noch nicht einmal sagen kann, was z. B. die Lauenburgische
Hausmaus eigentlich für ein Tier ist. Über die Langschwanzmäuse soll später einmal im Zusammenhang erzählt werden. Heute gilt es den heimischen Wühlmäusen, von denen schon gleich eine der häufigsten die meisten Schwierigkeiten bietet; es ist die Schermaus, Mollmaus, Reutmaus oder Wasserratte, wie die BUCHnamen lauten. Es ist aber - wenigstens bei uns - alles die gleiche sehr variationsfähige Art, über die der derzeitige Berliner Zoologe und Systematiker Matschie ausführte: "Die Färbung ist nicht gleichmäßig. BLASIUS hat bei Braunschweig hellbraungelbe, bräunlichgraue, braungelblichgraue, graubraune, rostbraune, schwarzbraune und schwarze Wasserratten gefunden, im Harz hellrostbraune, gelblichgraue und braungraue, am Niederrhein dunkelbraune, schwarzbraune und bräunlichgraue. Vorläufig wissen wir noch nicht genügend, inwiefern Standort, Geschlecht und Alter die Färbung dieses Nagers beeinflussen und ob innerhalb Deutschlands mehrere geographische Rassen vorhanden sind. ARVICOLA AMPHI-


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Schermaus
phot. Rud. Zimmermann.




Hamster, CRICETUS CRICETUS L.
Phot. Rud. Zimmermann
Druckstock: Altonaer Schulmuseum


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BIUS L. wird auf die am Wasser lebende Form gedeutet, TERRESTRIS L. auf die in trockenen Gegenden vorkommende, PALUDOSUS L. auf die besonders in Sümpfen sich findende schwarze Form." Nach der heute zumeist befolgten Nomenklatur europäischer Säugetiere nach MILLER müßten unsere sämtlichen holsteinischen Schermausformen ARVICOLA SHERMAN SHAW heißen. Auch bei uns kommen alle im Vorstehenden genannten Färbungsmöglichkeiten vor. Ich bekam sogar aus der Gegend von Aumühle eine Schermaus, die wie ein Meerschweinchen schwarz-weiß gefleckt ist.




Rattenköpfe aus Reipzig
phot. Erna Mohr
 

Für die am Wasser lebende Form hört man bei uns die Namen "Woterrott" und "Wöhlrott"; mit dem ersteren Namen ist aber oft auch die langschwänzige Wanderratte gemeint. Für die Landform hört man bei uns auch gelegentlich "Wöhlrott", aber reichlich so oft die Bezeichnungen "Hamster", "lütte Hamster", "Hamsterrott", "Hamster
mus". Auch im benachbarten Mecklenburg heißt das Tier "Hamster". Der "richtige" Hamster ist zwar auch eine große Wühlratte, ist aber schon rein äußerlich durch Größe und Färbung (beides etwa wie ein Meerschweinchen) leicht zu unterscheiden. Der "echte", richtige Hamster, CRICETUS CRICETUS L., kommt bei uns nicht vor und tritt nur gelegentlich im östlichen Mecklenburg auf; immerhin kann man bei uns im Osten des Kreises mit ganz gelegentlichen Überläufern rechnen.

Die Schermäuse wühlen oft ähnlich wie Maulwürfe. Ihre Gänge verlaufen meistens oberflächlicher, und wenn Haufen aufgeworfen werden, sind sie nur geringen Umfangs. Die am Wasser und im Sumpf lebende Form legt gern ihre Nester so in Schilf und Reth an, daß die Bauten schwimmen und dadurch vor vielen Feinden geschützt sind.

Die zweitgrößte Wühlmaus unserer Gegend ist der Rattenkopf, auch rattenköpfige Wühlmaus genannt, MICROTUS RATTICEPS KEYS. BLAS. Die ersten aus der Nordmark nachgewiesenen Rattenköpfe stammten von Kankelau im Lauenburgischen. Später bekam ich
 

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die Art noch von Kellinghusen und aus Gewöllen von Schleswig. Der Rattenkopf ist ein Überbleibsel aus der Eiszeit und somit einer der kleinen Nager, die Schlüsse auf die frühere klimatische Beschaffenheit unserer Heimat erlauben. Das Tier war sicher nie ganz bei uns verschwunden, sondern nur übersehen worden.

Mit das häufigste Säugetier nicht nur bei uns, sondern sicher in ganz Deutschland und weiter ist die Feldmaus, MICROTUS ARVALIS PALL. Mit und neben ihr lebt in stets wechselnden Mengen die etwas größere Erdmaus, MICROTUS AGRESTIS L. Je weiter hinauf nach




Rötelmaus
phot. Douglas English
aus Brehms Tierleben, 4. Aufl.


Norden auf der Zimbrischen Halbinsel, desto seltener wird die Feldmaus; nördlich des Limfjords kennt man sie nicht mehr, sondern nur noch die Erdmaus. Beide sind arge Schädlinge, die in Feld, Garten und Scheuer unberechenbaren Schaden anrichten durch Minderung der Ernte, Zehntung der eingefahrenen Feldfrüchte, Unterwühlung von
Dämmen und Deichen - gemeinsam mit der Schermaus. Auch im Wald, besonders an den Waldrändern, kann sie lästig werden. Doch macht sich dort eine entfernte Verwandte noch unnützer, da sie auch in die Büsche und Bäume hinaufklettert und in den oberen Regionen" durch Nage- und Verbiß-Schäden lästig werden kann. Es ist die Rötelmaus, EVOTOMYS GLAEROLUS SCHREB. Diese hübsch rotgrauen oder rotbraunen Tierchen haben einen längeren Schwanz als Feld- und Erdmaus, leben stellenweise mit ihnen zusammen in den gleichen Gebieten, scheinen aber Trockenheit und starke Besonnung ohne Schutz wenig zu lieben.

Zwei andere der heimischen deutschen Wühlmausarten konnten bei uns bisher nicht nachgewiesen werden. Von der Berg- oder Schneemaus der Alpen und Karpathen ist das weiter nicht verwunderlich. Doch kann man durchaus erwarten, daß die "unterirdische Wühlmaus"

 

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oder "Wurzelmaus" auch gefunden werden wird. Die Wurzelmaus, PITYMYS SUBTERRANEUS DE SELYS,  ist äußerlich einer Feldmaus ähnlich, doch sind die Augen auffallend klein, der Pelz wirkt wolliger, da er recht lang ist, so daß die Ohren weniger aus dem Pelz hervorgucken als bei Feld- und Erdmaus. Bisher bekam ich noch keine Wurzelmaus aus der Nordmark, denn was ich früher einmal als solche beschrieben hatte, erwies sich als Vertreter einer besonderen Unterart der Feldmaus. Diejenige Wurzelmaus, die meines Wissens unserm Faunengebiet am nächsten gekommen war, ist ein Weißling, der in einem Obstgarten bei Stade-Brunshausen gefangen und dem
Zoologischen Museum Hamburg überwiesen wurde. Auch für diesen Teil Hannovers war das ein neuer Nachweis, und obwohl wir ja eigentlich nördlich der Elbe an Wühlmäusen mehr als genug haben, ist zu hoffen, daß die Wurzelmaus auch bei uns nachgewiesen werden wird, und dafür ist gerade im Kreis Herzogtum Lauenburg am
ehesten mit Erfolg zu rechnen.




 


 

 

 

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