Der Kreis Herzogtum Lauenburg ist für die
Siedelungsforschung ein besonders anziehendes Gebiet, einmal
weil er ein Übergangsgebiet zwischen dem deutschen Mutterlande
des Westens und dem deutschen Koloniallande des hohen
Mittelalters im Osten darstellt, dann aber auch deshalb, weil er
besonders reich an siedelungsgeschichtlichen Quellen ist. Da
haben wir unmittelbar NACH dem entscheidenden Wendepunkte der
lauenburgischen Siedelungsgeschichte, der
deutschrechtlichen Kolonisation des 12. und 13. Jahrhunderts,
das berühmte Zehntenlehnsregister des Ratzeburer Bischofs von
1230 - und eine nicht minder unschätzbare Quelle an dem
reichhaltigen Flurkartenmaterial des 18. Jahrhunderts,
unmittelbar VOR dem zweitwichtigsten Wendepunkte, der Auflösung
der alten Flurverfassung, die wiederum eine weitgehende
Zersetzung der alten Dorfformen nach sich zog. Für diese große
Umbildung der Landwirtschaft wie des
Landschaftsbildes, in das z. B. erst damals durch die
Verkoppelung ein heute so bezeichnender Zug wie die Knicks
hineingekommen ist, diente das Herzogtum Lauenburg gewissermaßen
als Versuchsfeld für das Kurfürstentum Hannover, zu dem
Lauenburg damals gehörte. Als Vorarbeiten für die Verkoppelung
wurden seit etwa 1745 in den landesherrschaftlichen Ämtern die
Flurkarten aufgenommen, deren heute fast lückenlos in den
Archiven von Ratzeburg und Kiel vorhandener Bestand die
ergiebigste Quelle für den Siedelungsforscher abgibt. Keines der
Nachbarländer hat so schönes und vollständiges
Flurkartenmaterial wie das Herzogtum Lauenburg aufzuweisen - nur
die alten adligen Gerichte fallen im wesentlichen aus, da ihre
Flurkarten größtenteils nicht an die öffentlichen Archive
abgegeben worden sind. Ich habe auf dieses Quellenmaterial schon
mehrfach bei Veröffentlichungen zurückgcgriffen und Proben
daraus in Abbildungen
1931/2 - (41)
1931/2 - 42
wiedergegeben, insbesondere in meinem Buche
"Das Bauerndorf im Kreise Herzogtum Lauenburg" (Lauenburgischer Heimatverlag,
Ratzeburg 1928, zuerst in Aufsatzform in dieser Zeitschrift
erschienen) und dann in meinem Aufsatz "Zur Frage nach Ausdehnung und Verbleib
der slawischen Bevölkerung von Holstein und Lauenburg" im 58.
Bande der Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
(Kiel 1928). So erschien es verlockend, eine Karte der
Siedelungsformen des 18. Jahrhunderts nach den Flurkarten zu
entwerfen, zumal da mehrere Bearbeiter siedelungsgeschichtlicher Probleme
offenbar dadurch zu schiefer oder unrichtiger Auffassung der Dinge gekommen
sind, daß sie sich auf moderne Meßtischblätter verließen und aus solchen die
ursprünglichen Siedelungsformen glaubten ablesen zu können.
Das Siedelungsbild des 18. Jahrhunderts, das noch auf der
unzerstörten alten Fluverfassung [sic!], der
Gemenglage, beruht, hat zweifellos eben wegen des konservierenden Charakters
dieser zu grundstürzenden Neuerungen gar nicht fähigen Flurverfassung des
Mittelalters hochaltertümliche Züge bewahrt. Das tritt auf der Siedelungskarte
besonders deutlich in dem starken Vorwiegen mehr oder minder geschlossener,
bauchiger Dorfformen von regelmäßiger Anlage in die Erscheinung. Diese
Dorfanlagen sind auf eine Wirtschaftsweise zugeschnitten, die schon seit dem
späteren Mittelalter nicht mehr bestand: vorwiegende Viehwirtschaft mit
dauerndem Weidegang ohne Stallhaltung. Das Vieh lagert bei Nacht oder schlechtem
Wetter auf dem Dorfanger um die Tränke und die Gehöfte umschließen diese
Nachtkoppel als Schutz gegen vier- und zweibeinige Räuber und Viehdiebe. Diese
ganze Lage war schon gar nicht lange nach Durchführung der deutschrechtlichen
Siedelung durch das Vorwiegen des Ackerbaues, der bessere Wegeverbindnng mit dem
Ackerlande nötig machte, die Aufstallung des Viehes und die gestiegene
Sicherheit vor Mensch und Tier im Grunde veraltet, aber die einmal entstandenen
Dorflagen erhielten sich kraft des Trägheitsgesetzes infolge der Unbeweglichkeit
der alten Flurverfassung bis zu deren Auflösung. Nur geringe Veränderungen waren
möglich, insbesondere erzwang das Interesse der Ackerwirtschaft vielfach die
Durchbrechung des früher zum Schutze eng geschlossenen Ringes der Gehöfte durch
neu angelegte Feldwege. Es zeugt für den ungeheuer stark konservierenden
Charakter der alten Flurverfassung und der alten markgenossenschaftlichen
Dorforganisation, daß die Siedelungskarte des 18. Jahrhunderts bei
vielen Dörfern noch nicht einmal diese Durchbrechung zeigt. Schon diese Erwägung
zeigt, daß namentlich die geschlossenen Rundlinge urtümliche Dorfformen sein
müssen, an denen noch kein Hauch modernen Wirtschaftsgeistes zu verspüren ist.
Greifen wir einmal ein besonders interessantes Beispiel heraus:
DAS DORF HORNBEK.
Magister Adam von Bremen hat ums Jahr 1070 in seine
Hamburgische Kirchengeschichte (Buch 2, Kap. 18)
eine wahrscheinlich sehr viel ältere Beschreibung des LIMES SAXONIAE
aufgenommen, der quer durch das Herzogtum Lauenburg verlaufend die politischen
Herrschafts-
1931/2 - 42
1931/2 - 43
gebiete der Franken und der unabhängigen
Slawen im 9. Jahrhundert von einander schied und zu Adams Zeiten
längst nicht mehr bestand. Der LIMES ging durch slawisch besiedeltes Gebiet, wie
die von Adam genannten Ortsnamen im Zuge des LIMES überwiegend slawisches
Gepräge tragen: "Der Text nennt mehr slawische als deutsche Stationen. Ja, er
führt uns die Slawen sogar leibhaftig vor. Die Mescenreiza [Schnakenbek] kann er
nur so bezeichnen, wie sie die Slawen nennen (QUEM SCLAVI MESCENREIZA VOCANT).
Dann müssen sie auch selbst dagewesen sein. Es war slawisches Land, durch das
der Limes führte. Im Süden umfaßte er das Hauptgebiet der TERRA SADELBENDE, im
Norden das ganze Schwentinefeld. Auf der Zwischenstrecke durchschnitt er quer
die slawischen Gaue Polabien und Dargun ... Wir stehen vor dem Bilde, daß wir
eine deutsche Grenze durch slawisches Gebiet gezogen sehen", schreibt Hermann
HOFMEISTER in seiner gründlichen Behandlung des LIMES SAXONIAE (Zeitschr. der
Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, 56. Band,
Kiel 1926, S. 152/153). Inmitten der
slawischen Namen erscheint nun als Festpunkt im Zuge des Limes der Name
HORCHENBICI, dessen Übereinstimmung mit dem heutigen Hornbek (im Ratzeburger
Zehntenlehnsregister um 1230 HORGENBEKE) sprachlich wie
topographisch außer allem Zweifel steht. Freilich ist hier das Verhältnis des
z:k zu klären, denn Adam muß die Silbe -bici = -bizi gesprochen haben. Der Bach
heißt aber altsächsisch BEKI. Daß hier die germanische Grundbedeutung "Bach"
vorausgesetzt werden müsse, betonte nach LAPPENBERG und RÜBEL der Oldesloer
Realschuldirektor BANGERT: "HORCHENBICI ist ohne Zweifel ursprünglich der Name
des bei dem Dorfe Hornbek vorbeifließenden Baches, der jetzt nur Mühlenbach
genannt wird. Der sächsische k-Laut des Grundwortes scheint zur Frankenzeit dem
friesischen Einflüsse zugeschriebenen Zetazismus unterlegen zu sein, ist aber
später in dem Namen wieder hervorgetreten." (Zeitschrift des Historischen
Vereins für Niedersachsen, Hannover 1904, S. 13.) Es
ist freilich unerklärlich, woher in dieser Zeit lange VOR dem Einsetzen der
Ostlandwanderung friesischer Spracheinfluß in die damals slawische
Stecknitz-Gegend gekommen sein sollte, aber die Bedeutung der Namensendung -BICI
ist auch für einen Sprachforscher vom Range des Göttinger Germanisten Edward
SCHRÖDER unbedingt gesichert: "Die Zeitgenossen hatten ein unvergleichlich
lebhafteres Gefühl dafür, daß -BICI zunächst nur einen Bach bedeute, viel
schärfer, als wenn wir heute von Hornbach reden, wo wir gleich fragen: Bach oder
Dorf? Wäre das Dorf gemeint, so stände ein Zusatz dabei. IN HORCHENBICI
bedeutet: "in das Flußbett der Hornbek" (bei HOFMEISTER S. 99).
Der bei niederdeutschen Orts- und Flurnamen beiderseits der Elbe nicht seltene
Übergang von k zu z (Zetazismus) ist in seinem Wesen und seinen Zusammenhängen
noch nicht genügend geklärt. Vielleicht liegt gerade hier Analogiebildung durch
den Einfluß der slawischen Sprache vor, in der dieser Übergang gerade vor i
einzutreten pflegt. An dem NICHTSLAWISCHEN, also GERMANISCHEN CHARAKTER DES
NAMENS HORCHENBICI scheint jedenfalls kein Zweifel zu sein. Auch Professor
Conrad BORCH-
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1931/2 - 44
LING-Hamburg weist darauf hin, daß der
sogenannte Zetazismus auf echt niederdeutschem Boden keine Seltenheit sei, so in
den Ortsnamen Celle (Kielln), Zeven (Kievina), Sarstedt (Kerstidi); zu
vergleichen ist auch die Zusammengehörigkeit "Säwer": Käfer. Danach scheint also
gesichert, daß die Hornbeker Mühlenbek in slawischer Zeit ihren germanischen
Namen bewahrt hatte. Wie konnte das geschehen? Die unscheinbare Hornbeker
Mühlenbek ist kein Gewässer, dessen Name den Slawen durch den allgemeinen
Handelsverkehr von Hörensagen bekannt sein konnte wie Havel und Oder, als sie
ins größtenteils geräumte germanische Ostland einrückten. Den Namen Hornbek
müssen die Slawen von zurückgebliebenen germanischen Resten erfahren haben, und
diese Überlieferer des Namens müssen irgend ein Interesse gerade an diesem Bache
gehabt haben. Wo sollen wir diese zurückgebliebenen Germanen, von denen die
Slawen den Namen "Hornbek" übernahmen, suchen, wenn nicht im Dorfe Hornbek
selbst? DAS DORF HORNBEK MUSZ ALSO IN GERMANISCHER ZEIT SCHON BESTANDEN HABEN.
Ob seine germanischen Gründer Sachsen waren, deren Gebiet vor der Niederlage von
Suentana im Jahre 798 und der Verleihung sächsischer Grenzgebiete
an die Obotriten durch Karl den Großen so weit nach Osten gereicht haben mag,
oder Langobarden oder etwa die von Tacitus erwähnten Reudigner oder Leute aus
einer noch anderen germanischen Völkerschaft, das können wir freilich nicht
sagen.
Das Studium der Flurkarte bestätigt den altertümlichen Charakter des Dorfes
Hornbek. Das Kieler Staatsarchiv besitzt je eine Flurkarte vor und nach der
Verkoppelung:
1) CARTE VON DER FELD MARCK DES DORFES
HORNEBEK
DASELBST
AUF KÖNIGLICHER CAMMER HOHEN VERORDNUNG
AUFGENOMMEN UND ENTWORFEN IN DEM JAHRE 1783
DURCH F. C. DE BENOIT, CAPITAINE IM INGENIEUR CORPS.
2) CARTE
VON DER FELDMARCK DES DORFES
HORNEBEK
DASELBST
NACH DER VERKOPPELUNG IN DEM JAHRE 1783
DURCH F. C. DE BENOIT, INGENIEUR MAJOR.
Die Gebäude stimmen auf beiden Karten im Dorfe nach Grundriß,
Zahl und Lage genau überein. Außerhalb des Dorfes ist 1793 das
neue Schmiedegehöft i vorhanden, und das Wohnhaus des
Müllergehöftes k, 1783 offenbar noch ein
Niedersachsenhaus, ist von der Südseite auf die Nordseite der Mühlenbek verlegt.
Der Grundriß des Dorfes und seine Lage zu den Verkehrswegen erscheint vor und
nach der Verkoppelung völlig gleichartig. Der Rundlingscharakter oder, wenn man
will, Sackgassencharakter von Hornbek ist nach 1793 völlig
deutlich. Die Besetzung der Gehöfte ist:
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Das Zehntenlehnsregister gibt als Hufenzahl von HORGENBEKE um 1230
acht Hufen an. Das bedeutet NICHT etwa, daß damals auch acht Hufnerstellen
vorhanden gewesen sein müßten. Die Hufe im damaligen Sinne war keine
Wirtschaftseinheit, sondern eine Steuereinheit. Wieviel Hufen in einer Hand
vereinigt waren, können wir nicht wissen. Da in dem Register der Flurkarte von
1783 die "Köter" sicher spätere Zutat sind, so würde die Zahl von
acht Hufen herauskommen, wenn die "VOLLHÜFENER" ursprünglich DOPPELhüfener
wären - wie dies sonst vielfach zutrifft - und die "HALBhüfener" ursprünglich
EINhüfener. Das ergäbe die Aufrechnung 3 x 2 +
2 x 1 = 8 Hufen. Im Jahre 1793
sind daraus einfach fünf "Hüfener" und vier "Köthner" geworden, und die
"Topographie der Herzogthümer Holstein und Lauenburg" von SCHRÖDER-BIERNATZKI
(I. Band, Oldenburg i. H. 1855, S. 542) führt fünf
VOLLhufen und vier Kathen in Hornbek auf. Man sieht, wie schwankend der Begriff
der Vollhufe ist! Auch hier hat die Verkoppelung das alte Bild zerstört. Schon
unter dem 14. März 1770 hatten die Halbhufner und
Köthner zu Breitenfelde, Alt-Mölln und Hornbek ein Gesuch an die Kurfürstlich
Hannoversche Kammer "wegen ihnen fehlenden PROPORTIONIRLICHEN Landes"
eingereicht und um "EGALISIRUNG" der Ländereien gebeten: "Dasjenige also, was
einem Jeden unter uns fehlet, Besitzen die Großen und Vollhuefener zu viel, und
die Erfahrung lehret es allzu sehr, daß diese den Überfluß ihres Landes
vermieten, und würckliche Dienste von andern Bekümmerten fordern" (Akten des
Kieler Staatsarchivs). Begründet wird das Verlangen nach neuer und gleicher
Landverteilung mit der Gleichheit der Abgaben (PRAESTANDA).
_______________
*) Die Schleusenmeisterei liegt weitab vom Dorfe an der Stecknitz südlich der
Einmündung der Mühlenbek.
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Die Verkoppelungsakte der Gemeinde Hornbek im Landesarchiv zu Ratzeburg enthält
folgende Tabelle:
Besitzungen
vor der Verkoppelung |
Tabelle
von den gegenwärtigen und zukünftigen
Besitzungen
|
Besitzungen
nach der
Verkoppelung |
Morgen |
Ruten
|
|
Morgen |
Ruten |
|
|
|
|
|
369 |
60 |
Der
Hufener und B.-Voigt Jochen Werner Hagemann |
311 |
- |
402 |
15 |
Der
Hufener Hans Jochim Baars |
311 |
- |
402 |
43 |
Der
Hufener Jochim Diestel |
311 |
- |
261 |
116 |
Der
Hufener Jochim Hinr. Flint |
311 |
- |
262 |
73 |
Der
Hufener Hans Mich. Ehlers |
311 |
- |
6 |
56 |
Der
Köthner Johann Dan. Wischer |
42 |
- |
2 |
108 |
Der
Köthner Christoph Hartkopf |
42 |
- |
2 |
70 |
Der
Köthner Jochim Hinr. Bolt |
42 |
- |
- |
- |
Die
bisherige Schmiede |
42 |
- |
15 |
85 |
Der
Erben Zinßmüller Hennings |
47 |
79 |
1 |
93 |
Der
Schleusenmeister Schulze |
1 |
93 |
- |
- |
Dem
Bauern-Voigt zur Dienstkoppel |
12 |
- |
- |
- |
Zur
Ausfütterung des Bollen |
16 |
- |
7 |
82 |
Dem
Dorf-Hirten |
6 |
- |
304 |
88 |
Gemeinschaftliche Pertinentien
|
233 |
118 |
6 |
63 |
An
auswärtige Grundstücke |
6 |
63 |
|
|
|
|
|
2064 |
113 |
Summa |
2046 |
113 |
Die Hornbeker Flurkarte von 1783 zeigt einen höchst altertümlichen
Zustand. Zunächst fällt die Lage des Dorfes am äußersten nördlichen Rande der
Feldmark aus. Das ist für eine wesentlich ackerbautreibende Dorfschaft
sicherlich eine recht unbequeme und unzweckmäßige Anlage, die unnötig weite Wege
schafft. Die deutschen Kolonisten des Mittelalters, denen der Ackerbau schon die
Hauptsache war, haben dann auch die neuen Dörfer immer in die Mitte der Feldmark
verlegt (vgl. die Flurkarten von BRUNSTORF, FUHLENHAGEN und dem wahrscheinlich
erst in "deutscher" Zeit von slawischen Rodesiedlern angelegten WANGELAU in
meinem "Bauerndorf im Kreise Herzogtum Lauenburg"). Die Wasserverhältnisse
nötigen bei uns nicht zur Dorfanlage am Bach, wenn man mit dem allereinfachsten
Brunnenbau vertraut ist. Bei Hornbek hat man offenbar entscheidenden Wert auf
die Sicherheit vor Feinden gelegt und der Dorflage eine Rückenanlehnung am
damals sicher versumpften Wiesengrunde der Mühlenbek geben wollen. Schon deshalb
müßte man annehmen, daß der Weg, der schon 1783 den Ring der
Gehöfte - ohne freilich den Rundlingscharakter in Frage zu stellen - zwischen
dem Bauervogt (A) und dem Hüfener Joachim Diestel (B) durchbricht, nicht uralt
sein kann. Da er einen Zugang ins Dorf über das Wiesental der Mühlenbek öffnet,
hebt er die Vorteile der geschützten Lage, auf die die Gründer des Dorfes
offenbar entscheidenden Wert legten, zu einem guten Teil wieder auf. Nun liegt
aber der Treffpunkt der von Süden und Osten heransührenden drei Wege von Güster,
Mölln und der Stauschleuse so weit außerhalb des Dorfes im Südosten und
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auch der "Lüneburger Frachtweg nach Lübeck"
zielt nicht auf Dorf Hornbek, sondern mündet so weit östlich des Dorfes in den
Weg nach der Mühle, daß die natürliche Fortsetzung des Wegesystems der östlich
der Dorflage bei der Mühle über die Mühlenbek führende Weg ist, der auf der
Woltersdorfer Feldmark heute - und so schon 1783 - wieder den
Anschluß an den Hauptweg nach Mölln gewinnt. Der Übergang bei der Mühle muß also
der ältere sein - er läßt die Sicherheit des alten Rundlings unangetastet,
dessen Hufner (A-E) noch 1793 den alten Binnenanger deutlich
umschließen, während die Köthner sich nicht minder deutlich als Anhängsel und
spätere Zutat zum Dorfe durch die Lage ihrer Hofstellen offenbaren und
insbesondere die Schmiede schon 1783 (H) ihr Gesicht vom Dorfe weg
zum außen vorbeiführenden Verkehrsweg nach Tramm wendet und 1793
(I) sich völlig aus der Dorfgemeinschaft losgelöst hat. Hier zeigt also die
Siedelungsform so recht deutlich, wie es die Hufner sind, die den Kern der
Dorfschaft bilden. Wo der alte (einzige) Dorfeingang gelegen hat. zeigt die Lage
des Hirtenkatens (M) gegenüber dem Hause des Hufners Joachim
Diestel (B).
Eine nähere Betrachtung der Hornbeker Flurkarte von 1783 ergibt
weitere Anhaltspunkte für die Altertümlichkeit der ganzen Anlage. Die keineswegs
umfangreiche, nach Schröder-Biernatzki 2046 Morgen 113
Ruten umfassende Feldmark ist stark zersplittert und
zerstückelt, was offenbar den Mangel einheitlich planmäßiger Anlage zu einem
bestimmten Zeitpunkt, also ganz allmähliche Herausbildung durch Urbarmachung und
Rodung vom Dorfe aus in Wald und Weide hinein beweist. Im Jahre 1783 zerfällt
die Flur in folgende Abteilungen:
I. Die WORTHE [1793: AUF DEN WÖHREN. Es ist die in
Niederdeutschland allgemein verbreitete Bezeichnung für die "Hauskoppeln", dicht
am Dorfrande liegende Grundstücke, die außerhalb des Flurzwangs standen und als
Weide für das ständig zum Gebrauch bereitstehende Spannvieh oder zum Anbau von
allerlei Garten- und Hackfrüchten, Faserpflanzen usw. benutzt wurden].
II. POHLS CAMP [ein ziemlich großes Gewann südlich des Dorfes am HÖLTSHÜTTEN
SOHL, das 1793 in "HOLZSCHÜTTEN SOHL" verhochdeutscht oder
vielmehr verballhornt ist. "Kamp" ist die allgemein niedersächsische Bezeichnung
für das hochdeutsche "Gewann", die streifenförmig an alle Bauern aufgeteilte
Flurabteilung)].
III. DIE SPIELMANNS BLÖCKE [hier sind die Ackerstreifen wirklich, wie der Name
sagt, ziemlich kurz im Zuge].
IV. AUF DEN VIER RUTHEN.
V. VOR DEN VIER RUTHEN.
VI. AUF DEM STÄMMEN RAHDE [großes Gewann längs der Mühlenbek zwischen Dorf und
Stecknitzwiesen, laut der Bezeichnung "Rahde" nachträglich durch Rodung dem
Ackerbau gewonnen].
VII. PFERDE SPECKEN BREITEN.
VIII. DIE BIRCKEN BREITEN [wohl alter Birkenbestand].
IX. LANGEN SOHLS CAMP ODER BREITE ORTH [ziemlich weit ab vom Dorfe nach Süden
gelegen, nur durch die schmale Abteilung Nr. X von der Feldmark Güster
getrennt].
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X. VOR DER GÜSTER SCHEIDE.
XI. ACHTERN FIERT.
XII. DIE BORNBRUCHS BREITEN.
XIII. ACHTERN LANGEN MOHRE.
XIV. AUF DEM GRÜCHEL CAMPE.
XV. ACHTERN TREUDEL MOHRE.
XVI. AUF DEM GARS LANDE.
XVII. ACHTERN LÜTGEN MOHRE.
XVIII. IM AUS SCHLAGE.
XIX. AUF DEM WESTER CAMPE [großes Gewann westlich des Dorfes].
XX. IM SCHAAR [schmaler Abhang von VI zur Mühlenbek].
XXI. AUF DEN RUHMEN WIESEN, MÜHLENBECKS WIESEN und BILLERBECKS WIESEN [füllen
die weite Wiesenfläche im Winkel zwischen Mühlenbek und Stecknitz].
XXII. IM STEINS SCHWORTH.
XXIII. DIE FELD RIEDE
XXIV. IM MOHRE [große Abteilung in der SÜDOSTECKE der Feldmark an der Stecknitz
südlich der Stauschleuse].
XXV. KOHAGEN BERG.
XXVI. DIE FEYEN RIEDE.
XXVII [namenlos, 1793: VOR DEM NEUEN TEICHE].
XXVIII und XXIX sind auf der Flurkarte nicht zu finden.
XXX. TIEFE MOHR.
XXXI. LANGE SOHL.
XXXII. IM FIERT.
XXXIII. ALTE MOHR KOPPEL.
XXXIV. DAS TREUDEL MOHR.
XXXV ohne Bezeichnung am Roseburger Weg dicht an der Feldmarksgrenze.
XXXVI. TIEFE RIEDE.
XXXVII. BORN BRUCH.
XXXVIII. HAMFELDES MOHR.
XXXIX. MANSCHEIDES MOHR.
Man sieht, wie wenig Slawisches in diesen Flurnamen zu erkennen ist. Über die
Bodenbeschaffenheit sagen SCHRÖDER-BIERNATZKI (I, S. 542) kurzweg:
"Der Boden ist leichter Art." Solcher Boden wird in primitiven Zeiten bevorzugt,
weil er der Rodung und Bearbeitung weniger Schwierigkeiten entgegensetzte als
der vom Urwalde eingenommene Lehmboden (vgl. HOFMEISTER, Zeitschr. der Ges. für
Schleswig-Holsteinische Geschichte, 56. Bd., Kiel 1926,
S. 108/109). Die vielen Flurnamen mit "Wiesen",
"Riede", "Moor" und "Bruch" zeigen, daß es an nassen und versumpften Stellen auf
der Hornbeker Feldmark nicht fehlte. "Der Acker ist mäßig. Moore genug
vorhanden. Früher wurde viel Torf zum Verkauf gegeben, hat aufgehört, weil nicht
mehr rentabel", sagt OLDEKOP (Topographie I. Bd., Kiel 1908, S.
57). Ursprünglich haben wahrscheinlich die beiden hart am Dorfe
liegenden Gewanne "Pohls Camp" (II) und "Wester Kamp" (XIX)
die Ackerflur allein gebildet, erst allmählich im
1931/2 - 48
1931/2 - unp.
Die Flurkarte von Hornbek
ist dem Aufsatz "Zur Karte der alten Siedlungsformen im Kreise Herzogtum
Lauenburg" von Professfor DR. J. U. Folkers, erschienen im Heft 2/1931
der Zeitschrift "Lauenburgische Heimat", hinzuzufügen. Durch diesen Aufsatz sind
bereits Flurkarten von Niendorf a. St. und Roseburg, die in den öffentlichen
Archiven fehlen, zu unserer Kenntnis gebracht worden, und wir bitten etwa noch
vorhandene Flurkarten beim Landesarchiv anzumelden.
1931/2 - unp.
1931/2 - 49
Laufe der Jahrhunderte hat der Ackerbau
schrittweise die übrige Feldmark erobert. Noch die Flurkarte von 1783
sah ursprünglich keinerlei Beteiligung der "Köter" an der Ackerflur vor. Erst
nachträglich erscheinen, mit roter Tinte hineinkorrigiert, die Buchstaben F,
G
und H auf vereinzelten Abteilungen: Schnaken-Riede (ohne Nr. an der Roseburger
Scheide), Feyen-Riede, Alte Mohr-Koppel, wo abgelegene Stücke der alten
Dorfschafts-Gemeinheit für die Köter aufgeteilt sind, und dem Gewann "Achtern
Langen Mohre", wo die Hufner als Vorbesitzer eingetragen, ihre Buchstaben aber
dann ausgestrichen und durch F, G und H
ersetzt sind.
Im Jahrbuch "Nordelbingen", Kiel 1931, wo ich ausführlich von den
DEUTSCHRECHTLICHEN Siedelungsformen Lauenburgs im Mittelalter gehandelt habe,
sind die Dorflagen von LÜTAU und FITZEN veröffentlicht, wo das alte Rund- bezw.
Sackgassendorf durch eine straßen- bezw. zeilenförmige Siedelung unter deutschem
Einfluß erweitert worden ist. Die offenbar gleichfalls unter deutschem Einfluß
umgestalteten Feldmarken zeigen in den Hauptgewannen bei Fitzen Ackerstreifen
von 400-450 Calenberger Ruten Länge und 5-25
Ruten Breite, bei Lütau solche von 210-400 Ruten
"Landt Maße" Länge und meist weniger als 5 Ruten (nur beim Pastor
15 Ruten) Breite. Bei HORNBEK überschreitet die Streifenlängc in
den großen dorfnahen Gewannen Pohls Camp und Wester Camp nur selten 100
Ruten Calenbergisch um ein Geringes bei einer Streifenbreite von 4
bis höchstens 10 Ruten. Die größten Längen hat der ziemlich weit
vom Dorfe nach der Güster Scheide zu gelegene "Langen Sohls Camp" mit 165
bis 220 Ruten Streifenlänge und 4 bis 9
Ruten Streifenbreite. Kürzer und gedrungener waren die Streifen der einzelnen
Hufner auf dem jüngeren Gewann "Auf dem Stämmen Rahde" mit 50 bis
72 Ruten Länge und 8 bis 18 Ruten
Streifenbreite. Die nördlich anschließende WOLTERSDORFER Feldmark, die einen
durchaus planmäßigen "deutschrechtlichen" Eindruck macht, hat 1748
Streifenlängen von 200 bis 320 Ruten, Breite bei den
Bauern oft nur 5 Ruten, bei dem mit im Gemenge liegenden
herrschaftlichen Vorwerk erheblich mehr.
Ob außer Hornbek noch
WEITERE RUNDLINGE
bis in die germanische Vorzeit zurückreichen, oder ob die verhältnismäßig
zahlreich noch im 18. Jahrhundert erhaltenen Rundlinge slawische Nachbildungen
der germanischen Rundform unter gleichbleibenden Wirtschaftsverhältnissen
darstellen, läßt sich nicht entscheiden. In meinem Buche "Das Bauerndorf im
Kreise Herzogtum Lauenburg" habe ich den Nachweis angetreten, daß auch in den
Anfängen der deutschrechtlichen Kolonisation die Rundlingsform noch angewandt
wurde, insbesondere in der Rundlingsgruppe des Rodungsgebietes längs des
heutigen Südrandes des Sachsenwaldes (S. 16-24). Als
der Ackerbau an Bedeutung gewann, trat als Leitform der Besiedelung an die
Stelle des Rundlings das schon mehr dem Verkehr sich öffnende, aber immer noch
um die Nachtkoppel für das Dorfvieh gelagerte
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1931/2 - 50
ANGERDORF,
das FÜR LAUENBURG DIE EIGENTLICH KLASSISCHE SIEDELUNGSFORM DER
DEUTSCHRECHTLICHEN RODUNGS- UND DORFGRÜNDUNGSZEIT geworden ist. Das zeigt die
beigefügte Übersichtskarte namentlich in dem ehemaligen Waldgebiet nördlich der
Hahnheide. Daß an dieser deutschrechtlichen Rodung die Slawen auch ihren Anteil
hatten, habe ich ebenfalls in "Nordelbingen" (Kiel 1931)
nachzuweisen und darauf die 1230 als noch slawisch bezeichneten
Dörfer SCHIPHORST und WANGELAU, sowie die beiden WENTORF bei Bergedorf und bei
Sandesneben zurückzuführen versucht. Ob in diesem und jenem Angerdorf oder etwa
in dem langen und geräumigen Straßendorf BREITENFELDE als Kern ein slawisches
kurzes und breites Straßendorf enthalten ist, ist wiederum schwer zu
entscheiden. Wie die Karte zeigt, hat das kurze und breite Straßendorf der
Slawen im Lauenburgischen ebenso geringe Spuren hinterlassen wie das schmale
Straßendorf der Deutschen und die für Mecklenburg so bezeichnende
deutsch-mittelalterliche Siedelungsform des längs eines Weges durch die ganze
Flur zu einer lockeren Gehöftreihe auseinandergezogenen Wald- oder
Marschhufendorfes, das für intensive Ackerwirtschaft die ideale Siedelungsbasis
darstellt. Zu solchen Anlagen war wohl der Ackerbau noch nicht intensiv und die
öffentliche Sicherheit noch nicht gefestigt genug, als sich die Besiedelung
Lauenburgs unter deutschem Einfluß vollzog. So wurde NEBEN DEM ALTEN RUNDLING
DAS STRASZENANGERDORF HERRSCHEND, und als Mischform erscheint das RUNDANGERDORF
(z. B. KOBERG, GRABAU, HAVEKOST, KLEMPAU, KL. DISNACK, HOHENHORN, WOHLTORF). Da
ist es dann im Einzelfalle oft recht schwer zu sagen, ob ein nachträglich
durchbrochener alter Rundling oder ein von vornherein rittlings über einen
Verkehrsweg angelegtes Angerdorf anzunehmen ist. Da spielen die
WEGEVERHÄLTNISSE UND IHRE GESCHICHTE
eine Rolle, die noch wenig geklärt ist. Die Frage: Feldweg oder Verkehrsweg? ist
natürlich in solchen Fällen eindeutig zu lösen, wo der Kreis der Gehöfte zwar an
zwei einander gegenüberliegenden Stellen durchbrochen ist, aus der einen Lücke
aber ein Weg das Dorf verläßt, der sich irgendwo in Wald und Feld verliert. So
liegt der Fall etwa bei EINHAUS und ALBSFELDE, das 1747 noch ein
rund um den Dorfteich liegendes Bauerndorf war. Die im Lübecker Staatsarchiv
befindliche "CARTE VON DEM NEÜ ANZULEGENDEN VORWERCKE ALBSFELDE WIE SOLCHES IN
SCHLÄGEN UND KOPPELN EINGETHEILT WORDEN GEMESZEN UND AUSZGERECHNET VON J.
SCHUMACHER ART. CAPT. 1747" unterscheidet im Dorfe Albsfelde: B.
HAÜSER SO ABGEBROCHEN WERDEN, C. HAÜSER SO BESTEHEN BLEIBEN, D. IST DER PLATS WO
DASZ VORWERCK STEHEN SOLL.
Daß es sich bei einem Wege um eine nachträgliche Durchbrechung eines ehemals
geschlossenen Rundlings handelt, ist besonders dann so gut wie sicher, wenn
dieser Weg einen Übergang über eine unmittelbar hinter dem Dorfe liegende
(ehemals schützende) Wiesen- und Bachniederung bildet. Dies ist bei KL. DISNACK
und GROVE sehr deutlich, bei GRABAU weniger ausgeprägt. Nachträgliche Durch
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brechung ist auch dann anzunehmen, wenn
sichere alte Verkehrswege so unmittelbar an dem Dorfe draußen vorbeigehen, ohne
das Dorf zu berühren, wie bei DASSENDORF, BRUNSTORF, KRÖPPELSHAGEN, MÖHNSEN, das
vom Verkehrsweg Lanken-Kasseburg 1764 noch regelrecht umgangen
wird. Auch bei dem weltabgelegenen WOHLTORF zwischen Sachsenwald und Bille wird
man sich schwer vorstellen können, daß dieses Runddorf, dessen Dorflage als
Flurkartenausschnitt vom Jahre 1746 ich in der Zeitschrift der
Gesellschaft für SchleswigHolsteinische Geschichte 58. Bd. (Kiel
1928) als Abb. 6 wiedergegeben habe, ursprünglich
nach einem schon vorhandenen durchgehenden Verkehrsweg ausgerichtet worden sei.
Schwierig liegt der Fall z. B. bei dem alten großen Runddorf HOHENHORN. Hier ist
die sehr zweifelhafte Zuverlässigkeit der Wegebezeichnung auf unseren älteren
Übersichtskarten recht störend. Auch bei der unserer Siedelungskarte zugrunde
gelegten Karte von 1831 ist mir doch mancher Zweifel aufgestiegen,
ob die Unterscheidung von Haupt- und Nebenverkehrswegen durch doppelte und
einfache Linienführung den wirklichen Verhältnissen entsprochen habe. Leider
sind wenig Forschungen über das ältere Wegewesen veröffentlicht worden. Für das
Lauenburgische kommt eigentlich nur der Aufsatz des Baurates Ad. v. BINZER:
"Einige Notizen über das Wegewesen, insbesondere die alten Landstraßen im
Herzogthum Lauenburg" im Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogtums
Lauenburg, 5. Band, 2. Heft, Mölln 1897
(S. 1-29) in Betracht. Hier wird in der Hauptsache
ein im Jahre 1818 an die Kgl. dänische Regierung erstatteter
Bericht des Oberdeichgräfen und Landesbauverwalters WUNDRAM abgedruckt. Bei der
Einsichtnahme in das Flurkartenmaterial ergab sich mir als zweifelsfrei, daß bei
der Verkoppelung auf den Nachbarschaftsverkehr besondere Rücksicht genommen
wurde. Viele Feldwege, die VOR der Verkoppelung irgendwo in Rusch und Busch
endigen, erscheinen NACH der Verkoppelung als Verbindungswege nach den
Nachbardörfern durchgeführt. Andererseits wird Wundram völlig recht haben, daß
die Verkoppelung am Zuge der alten Hauptlandstraßen wenig geändert habe, da die
beauftragten Feldmesser, z. T. alte im siebenjährigen Kriege gediente
Ingenieur-Offiziere, sich nur um die zweckmäßige Einrichtung der einzelnen
Feldmark und gar nicht um die allgemeinen Landesinteressen gekümmert hätten.
"Unter diesen Umständen rückte jedoch in den beiden Decennien von 1770
bis 1790 die Verkoppelung in allen Gegenden des Landes rasch vor,
ohne daß man höhern Orts darauf bedacht war, vorgängig einen allgemeinen
Verkoppelungs-Plan für das ganze Land aufzustellen, der in Beziehung auf das
Wegebauwesen, die Entwässerung des Landes und Zusammenlegung der Forstreviere
nicht anders, als von den wohlthätigsten Folgen würde gewesen sein. Ohne die
Aufstellung eines solchen General-Plans, in welchem alle jene Gegenstände so
leicht hätten berücksichtigt werden können, war daher auch eine zweckmäßige
Leitung der öffentlichen Routen sowohl, als auch der Communicationswege nicht
gedenkbar.
- Denn wenn ein Geometer ein paar an diesen Routen liegende Dörfer bereits
verkoppelt hatte, so war ein anderer genöthiget, an
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die seiner Wahl nun nicht mehr überlassenen
Wegepunkte sich anzuschließen, wobei für die innere Wegeeintheilung, da Brücken,
Gebäude, Sümpfe gleichfalls in Betracht gezogen werden mußten, oft ebenso wenig
mehr geschehen konnte" (S. 3). "Die große Mecklenburgische Fracht-
und Extra-Poststraße von Wittenburg über Büchen und Schwarzenbek nach Hamburg",
die nach unserer Karte 1831 von Schwarzenbek über Hohenhorn und Escheburg nach
Bergedorf verläuft, ging 1818 nach Wundram, der es wissen mußte, "durch die
Dörfer Schwarzenbek, Dassendorf, Kröppelshagen und Wentorf bis zur Grenze des
Hamburgischen Amts Bergedorf", wo heute noch die Chaussee verläuft. Die Karte
von Baggesen und Hedemann: "Die Herzogthümer Holstein und Lauenburg" von
1827 gibt dagegen (wie die von 1831) NUR die Straße:
Schwarzenbek-Hohenhorn-Fahrendorf-Escheburg, die sich dann in eine Straße
Wentorf-Reinbek und eine solche nach Bergedorf gabelt. Die 1771
von der Berliner Akademie der Wissenschaften herausgegebene Karte des "DUCATUS
LAUENBURGICUS" hat noch wieder eine andere Wegeführung: Von Schwarzenbek über
Brunstorf-"Bassendorf" quer durch den Wald zum "Vorwerck" Billenkamp und
annähernd parallel dazu von Lauenburg über
Juliusburg-Krukow-"Johanwarden"-Fahrendorf-Escheburg-Börnsen-Wentorf nach
Reinbek, so daß nun Worth, Hohenhorn und Kröppelshagen im Raum ZWISCHEN beiden
Durchgangsstraßen liegen. Auf einer Karte von 1707 endlich
(Schenk, HOLSATIAE TABULA) fand Herr Landesarchivar DR. Gerhard eine ganz
unmögliche Straßenführung: südlich Gülzow vorbei über Schwarzenbek (!)-Escheburg
(wo der Weg von Brunstorf einmündet! - Besenhorst (das damals noch am Elbufer
hart westlich der Pulverfabrik Düneberg lag!) nach Bergedorf. Herr DR. GERHARD
hat sich der Mühe unterzogen, das Flurkartenmaterial des Landesarchivs in bezug
auf diese Wegeführung durchzusehen und teilt mir folgendes Ergebnis dieser
Durchsicht mit:
"I. BRUNSTORF (I, 6 und I, 7).
a) Karte von 1745 zeigt den Weg Schwarzenbek-Brunstorf-Dassendorf
ohne nähere Bezeichnung.
b) Karte von 1797 (nach der Verkoppelung) zeigt denselben Weg, der
jetzt nur breiter erscheint. Ungefähr mit diesem Wege gleichlaufend ist eine
rote Linie gezogen, die die "Mittellinie der neuen Chaussee" bezeichnet.
II. FAHRENDORF (Nr. I, 9 und 10).
a) Hier ist ein "Postweg nach Geesthacht" und ein "Bergedorfer Weg" gezeichnet.
Die Verbindung nach Hohenhorn ist nicht erkennbar (Jahr 1746).
b) Hier führt die "Poststraße von Büchen" und "von Escheburg" in Fahrendorf
zusammen. - Eine Straße Kröppelshagen-Horn führt an der Peripherie der
Fahrendorfer Feldmark nördlich vorbei (1779).
III. HAMWARDE (Nr. I, 21): Karte von 1777.
Hier führt der "Sommerpostweg" Lauenburg-Grünhof-Escheburg südwestlich am Ort
vorbei.
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IV. HOHENHORN (Nr. I, 22):
Karte von 1746.
Hier ist nur der Weg nach Kröppelshagen bezeichnet ohne nähere Angaben.
Ich meine, aus II b geht deutlich hervor, daß die alte Poststraße
Büchen-Escheburg über Fahrendorf führte. Andererseits muß der Weg über
Brunstorf-Dassendorf auch schon früh (1745) stark benutzt worden
sein."
Es ist in der Siedelungsforschung eine alte Streitfrage, ob die Wege nach den
Siedelungen oder die Siedelungen nach den Wegen angelegt sind. Sicherlich legten
die ältesten Siedelungen, also insbesondere unsere Rundlinge, gar keinen Wert
auf Beziehungen zum Durchgangsverkehr, der einer sich selbst versorgenden und
vom Markte unabhängigen Bauerschaft gar keine Vorteile, sondern nur Kriegsvölker
und Landstreichergesindel zuführte. In dieser Beziehung ist die Lektüre von
Hermann Löns "Werwolf" recht lehrreich! Aber schon in der deutschen
Besiedelungszeit beginnt die Belieferung entfernter städtischer Märkte mit Vieh,
Brotkorn und den Rohstoffen für die ausgedehnte Brauerei der Hansestädte. So
haben wir für die "deutschrechtlichen" Dörfer - unsere Angerdörfer - schon eine
stärkere Verkehrsbeziehung vorauszusetzen. Im Einzelfall kann aber die
Entscheidung, ob eine Dorfanlage auf den Verkehr ausgerichtet ist, sehr
schwierig sein, wie hier bei Hohenhorn. Solange wir nicht sehr viel besser über
das alte Wegewesen unterrichtet sind als heute, muß es genügen, in manchen
Fällen diese Frage aufzuwerfen, ohne sie bündig zu beantworten.
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NB.: Auf der beigegebenen "Karte der alten Siedlungsformen" ist versehentlich
Klein-Sarau unterstrichelt worden. Tatsächlich ist aber Klein-Sarau 1230
(SCLAVICUM SAROWE) schon zehntpflichtig, also nicht mehr slawischen Rechtes.
Dagegen wird Holstendorf (1230 noch "Wendisch-Pogeez")
ausdrücklich als Wendendorf bezeichnet: AD SCLAVICUM POGATSE SCLAVI SUNT, NULLUM
BENEFICIUM EST. Es hätte also Holstendorf unterstrichelt werden müssen.
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